Ehrlichkeit zählt

Wie sich Migranten aus Aachen auf den Berufsstart vorbereiten

DSC_0809-001.JPG (c) Foto: Thomas Hohenschue (Ersteller: Foto: Thomas Hohenschue)
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Datum:
Sa. 14. Nov. 2009
Von:
Thomas Hohenschue
Wenn an diesem Sonntag im Bischöflichen Pius-Gymnasium der 4. Aachener Tag der Integration steigt, sind sie mittendrin: 19 Schülerinnen und Schüler der Käthe-Kollwitz-Schule. Kürzlich waren sie noch in der Eifel, um sich über ihr künftiges Arbeiten und Leben Gedanken zu machen. Gar nicht so einfach, wenn man gerade erst hier in Deutschland angekommen ist.
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Axel Wiederhold müsste sich das nicht mehr unbedingt antun. Drei Nächte in einem Schullandheim um die Ohren schlagen, vier anstrengende Arbeitstage mit einem quirligen Haufen von jungen Leuten durchstehen – alles schon oft gehabt. Und doch macht der Jugendbeauftragte der Region Aachen-Stadt es immer wieder: Er begleitet Rita Schaar und Monika Mück in die Eifel zum „Schulabgängerseminar“. Die Schulsozialarbeiterin und die Klassenlehrerin sind heilfroh über die kollegiale Verstärkung.

Wiederhold wiederum weiß dieses intensive Erlebnis eins aufs andere Mal sehr zu schätzen. „Hier werde ich geerdet“, bekennt er offen. Trotz seiner erheblichen Lebens- und Berufserfahrung konfrontieren ihn die Gespräche mit den jungen Migranten mit einer Wirklichkeit, die man gemeinhin in Aachen nicht für möglich hält. Wiederhold ist immer wieder neu überrascht und betroffen, welche Schicksale sich hinter den Gesichtern verbergen. Es sind Erfahrungen aus Kriegs- und Krisengebieten, Erfahrungen von Tod, Gewalt, Verfolgung und Flucht.

Die Geschichten kommen in der Eifel auf den Tisch, in Einzelgesprächen, aber auch in der Gruppe. Wiederhold hat beobachtet, wie es die jungen Leute entlastet, ihr Leid vor anderen auszusprechen, nicht mehr nur alles für sich zu behalten. Auch anderes miteinander zu teilen, tut gut, man stellt rasch fest, man ist mit seinen Gefühlen nicht alleine. So haben fast alle große Sehnsucht nach ihrer Heimat, aus der sie nach Deutschland geflüchtet sind.

Hier fühlen sich die meisten Migranten richtig wohl. Mehr noch: Sie können gar nicht verstehen, wie sich Deutsche selbst etwas kritischer über ihr Land äußern. Sie sehen den Wohlstand, das hohe Niveau der Infrastruktur und der Versorgung. So lehrt es Wiederhold Demut, wenn einer sagt: „Wenn du in Afghanistan krank bist, bist du tot – außer du hast Geld.“

Geld ist dennoch auch in Deutschland wichtig, um ein würdiges Leben führen zu können. Die jungen Frauen und Männer lassen sich deshalb bei der Käthe-Kollwitz-Schule auf ihre berufliche Laufbahn vorbereiten, im Berufsgrundschuljahr. Der wichtigste Schlüssel, eine Ausbildungsstelle zu erhalten und erfolgreich in den Beruf zu starten, ist die deutsche Sprache. Monika Mück und ihre pädagogischen Kollegen legen auf eine entsprechende Förderung besonderen Wert.

Eine wichtige Aufgabe, die sich in der Eifel stellt, ist die ehrliche Aussage, wie es zurzeit schulisch um jeden Einzelnen bestellt ist. Nur diese Ehrlichkeit hilft den jungen Migranten, sich realistisch an ihren Möglichkeiten zu orientieren. In den Einzelgesprächen platzen teilweise Träume, teilweise aber beflügeln sie auch und machen Mut. In allen Fällen geht es darum, die nächsten Schritte auf dem Weg zum Beruf zu besprechen. Das ist für viele erst mal die Frage, welchen Schulabschluss sie anstreben. So mancher wird beruflich besser fahren, einen guten Hauptschulabschluss zu machen, als auf Teufel komm heraus den Realschulabschluss anzustreben.

Die komplizierte Berufswelt überfordert viele erst einmal

Die Vielfalt von Ausbildungsberufen und die bürokratischen Regelungen des beruflichen Einstiegs in Deutschland stellen viele Migranten vor Probleme. Ihnen fehlt es an der nötigen Zeit, sich in dieser komplizierten Welt angemessen einzuleben. Das wird auch in der Eifel spürbar, als die Schüler präsentieren sollen, was ihre Traumberufe sind. So mancher hat sich eher ein Thema aufdrücken lassen, da er noch gar nicht so weit ist, sich für einen Beruf zu entscheiden. Das verwundert Beobachter umso weniger, als dass ja viele Deutsche in diesem Alter ebenfalls noch nicht weiter bei ihrer Suche sind.

Wiederhold ist auch hier die Ehrlichkeit wichtig. Er gibt einfühlsam, aber offen Rückmeldung, wie er die jungen Frauen und Männer erlebt, wenn sie über ihre berufliche Zukunft sprechen. Seine beiden Kolleginnen und er wissen, dass die Schülerinnen und Schüler die Chancen, die sich ihnen durch ihre Begabungen eröffnen, nutzen müssen, um ein besseres Leben führen zu können. Viele wohnen in schwierigen Verhältnissen. Manche haben Probleme wegen ihres Aufenthaltsstatus. Ständig zu Behörden zu müssen, ist unwürdig – ständig Angst vor Abschiebung zu haben, unmenschlich. Diese Lasten können Schaar, Mück und Wiederhold den jungen Leuten nicht abnehmen.

Von Thomas Hohenschue

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