„Heute sind die Menschen viel offener“

Wochenend-Interview in der Aachener Zeitung: Sri Tunruang

Sri Tunruang
Sri Tunruang
Datum:
Sa. 14. Nov. 2009
Von:
Aachener Zeitung
Wochenendinterview: Sri Tunruang lebt seit 35 Jahren in Aachen. Für den „Tag der Integration“ ist sie wieder mitverantwortlich.

Aachen. Wie es sich anfühlt, wenn man den Großteil seines Lebens in einem anderen Land verbringt, darüber kann sie vermutlich mehr sagen als viele andere Aachener. Sri Tunruang, vor 35 Jahren aus Indonesien nach Aachen gekommen, hat seit den 1970er Jahren sämtliche Stufen des Integrationsprozesses erlebt und kümmert sich mittlerweile selbst um die Probleme ausländischer Mitbürger in Aachen. Die Organisation des „Tages der Integration“ ist für sie deshalb auch eine „Selbstverständlichkeit“. Mit dem Vorstandsmitglied des Eine-Welt-Forums hat sich Robert Flader über die Schwierigkeiten, sich in einer anderen Heimat zurechtzufinden, eine neue Identität aufzubauen, aber auch über einen Besuch beim Bundespräsidenten und die Erwartungen für das morgige Integrationsfest unterhalten.

Ihr Deutsch ist nahezu perfekt.
Tunruang: (lacht) Vielen Dank. Ich habe aber immer noch leichte Probleme mit den Artikeln „der“, „die“ und „das“. Deshalb schreibe ich in Sätzen auch immer noch „d.“ Beschwert hat sich zum Glück bislang noch niemand.

Was verbinden Sie mit ihrer Ankunft in Deutschland 1974?
Tunruang: Die Mentalität hier war direkt eine ganz andere als in Indonesien. Mir hat gleich die Zielstrebigkeit und das Durchsetzungsvermögen der Deutschen imponiert. Allerdings war in Aachen alles auch viel steifer als bei uns in Indonesien. Daran musste ich mich erst gewöhnen.

Was bedeutet Integration für Sie persönlich?
Tunruang: Es ist keine Einbahnstraße, sondern eine Entwicklung, die aus mehreren Schritten besteht. Zunächst geht es um den gesetzlich-rechtlichen Prozess, dass man eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt und so weiter. Dann geht es natürlich auch um eine gesellschaftliche Komponente, dass man sich zuhause und im Job einlebt und zurechtkommt. Aber das Wichtigste ist, dass man sich emotional wohl fühlt, dass man als ausländischer Mitbürger seine alte Identität mit einer neuen verbindet. Und genau das ist schwierig.

Inwiefern?
Tunruang: Viele Menschen aus anderen Ländern leben sich hier zwar ein und gewöhnen sich an ihr Umfeld, werden aber nie wirklich heimisch, weil sie es nicht schaffen, die eigene alte und die neue Identität unter einen Hut zu kriegen. An dieser Verbindung müssen wir noch stärker arbeiten.

Sie kamen vor 35 Jahren nach Deutschland. War es damals schwieriger, sich als Ausländer hier zurechtzufinden?
Tunruang: Auf jeden Fall. Heute sind die Menschen viel offener, wissen auch viel mehr von anderen Kulturen. Damals wurde ich zum Beispiel gefragt, ob es in unserem Land überhaupt Autos gibt. Solch eine verengte Sichtweise existiert heute zum Glück nicht mehr. Wir werden von unseren Mitbürgern nicht mehr als Fremdkörper gesehen.

Sie waren 30, als Aachen ihre neue Heimat wurde. Ist es als Erwachsener schwieriger, sich in einem neuen Land, einer neuen Kultur zu akklimatisieren?
Tunruang: Ich schätze schon. Kinder und Jugendliche haben durch die Schule viel mehr Möglichkeiten, sich einzuleben, viel mehr Menschen um sich herum. Als Erwachsener ist es vor allem emotional viel schwieriger. Man kann sich nicht so schnell von seiner Vergangenheit lösen. Das ist ja auch das Hauptproblem der meisten Migranten.

Hatten Sie es schwer, hier einen Job zu finden?
Tunruang: Es war nicht einfach, ich hatte schließlich drei Mankos: Ich war Mutter, Ausländerin und mit Mitte 40 noch nicht wirklich im Berufsleben. Dann musste ich der Abteilungsleiterin bei Philips erst einmal klar machen, dass ich nicht schlechter bin als eine Frau mit Ende 20, Anfang 30. Zuverlässigkeit war mein Trumpf. So konnte ich sie schließlich überzeugen und hatte meine Stelle im Logistikzentrum sicher. Das war aber ein enormer Aufwand. Da habe ich gemerkt, dass man sich für Integration stärker einsetzen muss.

Sozusagen der Startschuss für Ihr langjähriges Engagement?
Tunruang: Ich merkte Ende der 1980er Jahre, dass gerade für ausländische Frauen viel mehr getan werden musste, dass aber auch sie einen Schritt auf ihre neuen Nachbarn und Mitmenschen zugehen mussten. Aktiv wurde ich zunächst in der Evangelischen Studierenden-Gemeinde und der „Internationalen Frauengemeinschaft“. Aus diesem Engagement ist auch 1991 die Initiative „Ausländische Frauen hier“ ins Leben gerufen worden. Es ging darum, wie man seine alte und neue Identität verbinden und das Problem gemeinsam bewältigen kann. Dann wurde ich ab 1996 Vorstandsmitglied im Welt-Forum und war bei vielen Festen und Initiativen mit dabei. Vor allem konnte ich so auch einiges für meine alte Heimat Indonesien bewirken.

Was genau?
Tunruang: Die indonesische Gemeinde besteht in Aachen aus rund 500 Personen, davon 300 Studenten. Mir geht es darum, dass vor allem mehr Indonesier am gesellschaftlichen Leben beteiligt werden. Und das haben wir in Ansätzen auch schon geschafft.

In welchen Bereichen findet Integration heute für Sie statt?
Tunruang: In jedem Teil des Lebens, auf der Arbeit, in Wirtschaft und Politik. Auch 20 Prozent aller Aachener Studierenden sind Ausländer oder haben Migrationshintergrund. Viele Geschäftsleute bieten vor allem kulinarische Spezialitäten aus ihrer Heimat an.


Fühlen Sie sich heutzutage eher als Deutsche oder als Indonesierin?
Tunruang: Ein bisschen von beidem. Die Verbindung zu meiner Heimat ist zum Glück nie abgebrochen. Andererseits fühle ich mich in Aachen sehr heimisch. Ich habe die wundervolle Möglichkeit, als Aachenerin etwas für Indonesien zu tun.