Zuerst kommt der Mensch

Bundesweit einmalig, führt der Aachener „Dialog der Religionen“ Glaubensgemeinschaften zusammen

TDI 2013 (c) Islamischer Verein
TDI 2013
Fr, 19. Sep 2014
Monika Herkens
Den „Dialog der Religionen“ gibt es seit neun Jahren in Aachen – er ist in seiner Zusammensetzung und Vorgehensweise einzigartig in der Bundesrepublik. Beim Aachener Tag der Integration am 21. September organisieren seine Mitglieder unter anderem das multireligiöse Friedensgebet.

Von Rauke Xenia Bornefeld

„Zuerst kommt der Mensch, dann die Religion.“ Diesen Satz hat Hildegard Mazyek, bis Anfang September Vertreterin des Islamischen Zentrums Bilal-Moschee im „Dialog der Religionen“ in den Anfangszeiten der Zusammenkunft sehr unterschiedlicher Religionsgemeinschaften geprägt. Und wird bis heute von den anderen Mitgliedern zitiert.

Nicht um den Deckel auf unausgesprochene Auseinandersetzungen zu halten, sondern tatsächlich, um den Ist-Zustand zu beschreiben. Denn im „Dialog der Religionen“ wird etwas geleistet, das Vorbild sein kann für viele Krisenschauplätze in der Welt. „Wir begegnen uns hier auf Augenhöhe und mit Respekt vor den Unterschieden“, erklärt Shahab Ebrahimi, Vertreter der Aachener Baha’i-Gemeinde. Gerade einmal 40 Mitglieder zählt die Glaubensgemeinschaft in der Region. Und ist doch von Beginn an beim „Dialog der Religionen“ dabei.

„Letztlich werden wir alle von der himmlischen Quelle gespeist“, nennt Ebrahimi die Gemeinsamkeit, auf die sich alle Religionsvertreter im „Dialog der Religionen“ beziehen.

Vielen Migranten spendet die Religion Halt

Die Gleichheit untereinander ist auch den Vertretern der großen christlichen Kirchen wichtig: „Einerseits wollten wir als Pfarrei St. Josef und Fronleichnam mit unserem  Standort im Ostviertel auf jeden Fall eine nicht zu geringe Rolle spielen. Gleichzeitig wollten wir als katholische Kirche keine Federführung übernehmen“, erzählt Josef Gerets, Gemeindereferent von St. Josef und Fronleichnam, der zusammen mit der Ehrenamtlichen Christa Schinkenmeyer die einzige Pfarrei im Dialog vertritt. Auch Pfarrer Hans
Christian Johnsen, Vertreter des evangelischen Kirchenkreises Aachen, sieht das so: „Als Teil der Mehrheitsgesellschaft riskieren wir nicht viel. Umso mehr wollen wir uns zurücknehmen und zuhören.“

Wichtig für den Erfolg ist ebenso die Rolle der Stadt Aachen, die, vertreten durch die Integrationsbeauftragte, die neutrale Moderation übernimmt. Seit anderthalb Jahren hat Heidemarie Ernst diese Rolle inne. Sie betont: „In Aachen leben 157 Nationen. Vielen spendet die Religion Halt, die Gemeinde ist Anlaufstelle.“ Deshalb habe man keinen Dialog der Nationen oder der Kulturen
initiiert, sondern eben der Religionen.

Achim Kockerols vom Kommunalen Integrationszentrum ergänzt: „Der ‚Dialog der Religionen‘
ist fester Bestandteil im Integrationskonzept der Stadt.“ Somit und ausdrücklich von den Mitgliedern erwünscht, kommt dem „Dialog“ auch eine soziale Aufgabe zu.

Zu Beginn hat man allerdings viel Zeit auf das gegenseitige Kennenlernen verwendet. „Wir haben uns gegenseitig besucht, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede gesprochen“, berichtet Ebrahimi. „Je öfter man miteinander gesprochen hat, desto kleiner wurden die Unterschiede.“ So sitzen beim „Dialog der Religionen“ Aleviten neben türkisch-stämmigen Muslimen, Vertreter der jüdischen Gemeinde neben Muslimen mit Wurzeln im Heiligen Land. Die Aufnahme der Schiiten des Islamischen Vereins Aachen im vergangenen Jahr wurde in der Gemeinde der Baha’i begangen. „Man muss bedenken, dass die Baha’i im Iran massiv
unterdrückt werden“, ordnet Johnsen diesen Umstand ein. „Aber wir definieren hier nicht die Religion des anderen.

Frieden ist gemeinsamer Auftrag der Religionen

Und wir machen die Menschen hier nicht für die Konflikte anderswo auf der Welt haftbar“, ergänzt Idris Malik von der Bilal-Moschee. Etwas, das Gerd Mertens vom Büro der Regionaldekane als Vorbild für andere versteht: „Aus christlicher Sicht liegt der Frieden
in den Religionen. Er ist eine gemeinsame Botschaft und ein gemeinsamer Auftrag. Deshalb ist es heute, angesichts der vielen Konflikte in der Welt, umso wichtiger, den Dialog zu pflegen und sich der gemeinsamen Prinzipien bewusst zu sein.“ 

Aus dem Kennenlernen ist schließlich ein – sehr erfolgreiches – Miteinander-Arbeiten geworden. Eine Auswahl an Beispielen belegt das. So gibt der „Dialog der Religionen“ jedes Jahr den interreligiösen Kalender heraus, der mit einer Auflage von 27 000 Stück bundesweit verschickt wird und alle religiösen Feiertage von Aleviten, Baha’i, Buddhisten, Christen, Hindus, sunnitischen und schiitischen Muslimen sowie Juden auflistet.

Interreligiöse Stadtspaziergänge und das jährliche Friedensmahl beziehen auch Gemeindemitglieder ein, die nicht regelmäßig am Tisch des „Dialogs der Religionen“ sitzen.

Beim Tag der Integration eröffnet er die multikulturelle Veranstaltung mit der multireligiösen Friedensfeier. „Wenn die Vertreter der verschiedenen Religionsgemeinschaften Friedensworte sprechen und sich zum Schluss die Hände halten, um gemeinsam ‚We are
the world‘ zu singen, läuft es mir jedes Mal kalt den Rücken hinunter. Solche Zeichen haben wir heutzutage nötiger denn je, und sie geben Hoffnung“, so Mertens.

Im „Dialog der Religionen“ sind folgende Glaubensgemeinschaften und Institutionen vertreten: Stadt Aachen, Alevitische Gemeinde, Baha’i Gemeinde, Bistum Aachen, Christliche Internationale Liga, Ditib (Yunus-Emre-Moschee), Evangelisch-Koreanische Gemeinde,
Evangelischer Kirchenkreis Aachen, Griechisch- Orthodoxe Kirchengemeinde, Jüdische Gemeinde, Hinduistische Gemeinde,  Islamisches Zentrum (Bilal-Moschee), Islamische Gemeinschaft BiH (Bosnien-Herzegowina), Islamischer Verein (Schiiten),  Katholische Pfarrei St. Josef und Fronleichnam, Kroatische Katholische Kirchengemeinde, Nyanaponika, Religions for Peace, Russisch-Orthodoxe Kirche, Wat Dhammaniwasa, Zentrum für tibetischen Buddhismus, Vineyard.

Weitere Infos unter www.dialog-der-religionen-aachen.de . Dort kann der Interreligiöse Kalender heruntergeladen werden. In gedruckter Form kann er bestellt werden unter Tel. 0241/432-0 oder per E-Mail: integration@mail.aachen.de .